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Deutsch-Türkische Psychologen-Gesellschaft feiert 20. Gründungsjubiläum

© Meryam Schouler-Ocak

Mit einer Jubiläumstagung in Berlin feiert die Deutsch-Türkische Gesellschaft für Psychotherapie, Psychiatrie und psychosoziale Gesundheit (DTGPP) am 7. und 8. November ihr 20-jähriges Bestehen. Dazu hat die Vorsitzende der DTGPP, Dr. Meryam Schouler-Ocak, mit Karl Max Einhäupl, Vorstandschef der Charité, Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, der Bundesbeauftragte für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özoguz, u. a. hochrangige Referenten eingeladen.

Es ist das wichtigste Anliegen der DTGPP, die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten zu fördern. Anlässlich des 20. Gründungsjubiläums äußert sich Schouler-Ocak, Ärztin an der psychiatrischen Universitätsklinik der Charité, in einem Interview besorgt über den Mangel an türkisch-sprachigen Psychiatern und Psychologen in Deutschland: "Es gibt hier schätzungsweise ungefähr 300 türkisch-sprachige Psychotherapeuten und schätzungsweise 100 Psychiater für 2,2 Millionen türkisch-stämmige Menschen. Das ist deutlich zu wenig." Das Projekt wird im Rahmen des Deutsch-Türkischen Wissenschaftsjahres vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

Schouler-Ocak: "Headhunter suchen in der Türkei nach Medizinern mit bestimmten Profilen" - Welche Ziele verfolgt die DTGPP mit ihrer Arbeit?

Schouler-Ocak: Die DTGPP möchte, dass die Versorgung von Patienten mit Migrationshintergrund optimiert wird und ganz viele Kolleginnen und Kollegen das Wissen von interkultureller Kompetenz, vom Umgang mit Dolmetschern und von Behandlungserwartungen von Patienten mit Migrationshintergrund sich aneignen. Interkulturelle Kompetenz sollte zu einem Pflichtteil der Ausbildung von Medizinern, Psychotherapeuten und Pflegern sowie anderen in der Medizin tätigen Professionellen werden.

Wie kann ein nicht-türkischsprachiger Arzt einen Patienten behandeln, der kein Deutsch kann?

Schouler-Ocak: Wenn die Sprache nicht ausreichend vorhanden ist, kann ein Arzt einen Patienten nur schwer behandeln. Deswegen plädieren wir dafür, dass professionelle Übersetzer eingesetzt werden, das heißt Sprach- und Kulturmittler, keine Laienübersetzer. Dabei ist die Sprache allein gar nicht das Problem, noch wesentlicher sind kulturgebundene Missverständnisse. Es gibt viele Menschen, die die deutsche Sprache recht gut verstehen, und trotzdem möchten sie nicht zu einem Einheimischen, sondern zu einem Muttersprachler. Denn der bringt auch die kulturellen Hintergrundinformationen mit.

Wer bezahlt die Dolmetscher?

Schouler-Ocak: Das ist ein echtes Problem. Das Bundessozialgericht hat in einem Urteil aus 2006 entschieden, dass Dolmetscherkosten keine GKV-Leistungen sind. Gleichzeitig hat das Bundessozialgericht in einer Entscheidung von 2008 dargelegt, dass kein Anspruch auf eine muttersprachliche Versorgung bestehe. Somit befinden wir uns in einem Dilemma.

Brauchen wir in Deutschland mehr türkisch-sprachige Psychologen und Psychiater?

Schouler-Ocak: Auf jeden Fall. Es gibt hier schätzungsweise ungefähr 300 türkisch-sprachige Psychotherapeuten und schätzungsweise 100 Psychiater für 2,2 Millionen türkisch-stämmige Menschen. Das ist deutlich zu wenig.

Wozu kann dieser Mangel führen?

Schouler-Ocak: Es führt zu unnötigen Behandlungskosten und natürlich zu unnötigem Leid bei den Betroffenen und ihren Angehörigen. Das kann so weit gehen, dass falsche Diagnosen gestellt und falsche Behandlungen durchgeführt werden. Kollegen in Hamburg haben eine Studie durchgeführt und die Diagnosen des gleichen Patienten von einheimischen Ärzten und Muttersprachlern verglichen. Dabei kamen bei ungefähr 30 Prozent der Betroffenen unterschiedliche Diagnosen heraus. 

Würde in der Türkei eine Versorgungslücke entstehen, wenn Ärzte von dort nach Deutschland abwandern?

Schouler-Ocak: Natürlich, genau dies ist in Griechenland und anderen Ländern bereits geschehen. Spezialisierte Headhunter suchen zum Beispiel in Griechenland und der Türkei für Praxen und Kliniken nach Medizinern mit bestimmten Profilen und werben sie ab. Beim Pflegepersonal läuft es genau so: Headhunter bzw. Vermittlungsfirmen suchen sogar bis nach China und auf die Philippinen nach Pflegerinnen und Pflegern, um bei uns dem Pflegenotstand zu begegnen.

Wie findet man psychologische Hilfe für Bekannte oder Verwandte, die lediglich Türkisch und kein Deutsch können?

Schouler-Ocak: Die DTGPP steht als Ansprechpartner zur Verfügung. Einheimische Kollegen, türkisch-sprachige Psychotherapeuten, die türkische Gemeinde und andere Institutionen und Betroffene melden sich bei uns und wir helfen weiter.

Was hat die DTGPP seit ihrer Gründung vor 20 Jahren erreicht?

Schouler-Ocak: Die DTGPP organisiert regelmäßig Plattformen wie die Jubiläumstagung zum Austausch und Vernetzung zwischen Kolleginnen und Kollegen und trägt zu Qualifizierungen von Kollegen bei. Es geht hier insbesondere darum, das Wissen über die kulturelle Psychiatrie und Psychotherapie möglichst weit zu verbreiten, so dass möglichst viele Kolleginnen und Kollegen sich dieses Wissen aneignen, um entsprechend Patienten besser behandeln zu können. Neben der DTGPP wurde bereits auf dem ersten Deutsch-Türkischen Psychiatriekongress in Antalya 1994 der Arbeitskreis türkisch-sprachiger Psychotherapeuten und der Arbeitskreis Migration und öffentliche Gesundheit ins Leben gerufen.

Zum Projekt "Hochbegabte mit türkischem Migrationshintergrund" erhalten Sie hier einen Übersichtstext mit drei Fallbeispielen.

Die Veranstaltung richtet sich an Interessierte und Fachleute. Die Berliner Ärztekammer vergibt Fortbildungspunkte für die Teilnahme. Anmeldungen sind noch möglich unter: s.smith@alexius.de.

Der Abdruck des Interviews und des Fotos von Dr. Schouler-Ocak sind honorarfrei. Bei Rückfragen erreichen Sie die Redaktion des Deutsch-Türkischen Wissenschaftsjahres unter der Telefonnummer: 030 / 818 777 – 192. 

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