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Einzigartig: Studie über Stereotype in Deutschland und in der Türkei

04.05.15
Deutschland und die Türkei sind eng miteinander verbunden – doch was denken wir voneinander, welche Bilder haben wir im Kopf, wenn wir uns begegnen? Woher kommen diese Stereotype und wie unterscheiden sie sich? Diese und weitere spannende Fragen klärt derzeit eine großangelegte Studie im Rahmen des Ideenwettbewerbs. Mehr als 2.000 Antworten aus der ganzen Türkei liegen dem deutsch-türkischen Forschungsteam bereits vor.

© Stefan Ossenberg / Die Projektbeteiligten (v.l.): Prof. Dr. Haci-Halil Usluçan vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung, Prof. Dr. Süheyla Schroeder von der Bahçeşehir International-Universität Berlin, Prof. Dr. Dr. h.c. Rupprecht S. Baur von der Universität Duisburg-Essen und Dr. habil. Leyla Coşan von der Marmara-Universität. (Foto: SI.DE-Projekt, Universität Duisburg-Essen)

Gleich in mehrfacher Hinsicht ist das Forschungsprojekt "Deutsche und Türkische Stereotype im Vergleich" außergewöhnlich: Es ein interkulturelles Projekt zu interkulturellen Fragestellungen. Erstmals untersucht ein deutsch-türkisches Forscherteam die wechselseitige Wahrnehmung, die wir voneinander haben. Und zwar dahingehend, wie die Bilder "der Deutschen" über "die Türken" und die Bilder "der Türken" über "die Deutschen" nach 50 Jahren vielfältiger Kontakte tatsächlich aussehen und welche Bilder voneinander bei welchen Bevölkerungsgruppen dominant sind. Dabei fließen regionale wie auch migrationsbedingte Unterschiede in die Studie ein, zum Beispiel wenn untersucht wird, wie türkischstämmige Deutsche ihre "Landsleute" in der Türkei sehen oder wie Remigranten oder auch die deutsche Community in der Türkei auf Deutschland blicken. Auch der nicht leicht zu beantwortenden Frage, woher diese Bilder stammen, gehen die Wissenschaftler auf den Grund. Die Studie verbindet soziolinguistische sowie sprach- und literaturwissenschaftliche Fragestellungen, wobei Stereotype sowohl in zeitgenössischen Texten (Presse und Belletristik) als auch in historischen literarischen Texten analysiert werden.

Gebündelte interkulturelle Kompetenz

Dass ein solches Großprojekt nicht nur eine Hochschule durchführen kann, liegt auf der Hand. Projektpartner sind das Institut für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache der Universität Duisburg-Essen, das über eine große Expertise bei interkulturellen Studien verfügt, in Zusammenarbeit mit der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung, die Marmara-Universität Istanbul und die Bahçeşehir-Universität Berlin. Im Projektverlauf sind weitere Partner hinzugekommen: Derzeit erheben und analysieren 16 Kooperationspartner die aktuell existierenden Stereotype in Deutschland und in der Türkei.

Stereotypenforschung schafft Bewusstsein

Basierend auf den 'klassischen' Arbeiten zu Stereotypen von Lippmann (1922), Katz & Braley (1933) und Sohdi & Bergius (1953) sowie den neueren Untersuchungen von Apeltauer (2002) und Grünewald (2005) führen die Partner derzeit Erhebungen in Deutschland und der Türkei durch. Ziel ist, statistisch abgesicherte Aussagen zu Einstellungen und "Völkerbildern" im deutsch-türkischen Kontext zu erhalten. "Stereotype spielen in der interkulturellen Kommunikation eine bedeutende Rolle, ohne dass sich die Kommunikationspartner dessen bewusst sind. Dadurch kann es zu folgenschweren Missverständnissen kommen. Nur wenn wir wissen, welche Stereotype in den Köpfen sind und woher sie kommen, können wir Menschen verschiedener Länder und Kulturen effektiv auf interkulturelle Kontakte vorbereiten", erklärt Prof. Dr. Dr. h.c. Rupprecht S. Baur, der das Forschungsprojekt in Kooperation mit Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan leitet.

140 Merkmale zur Auswahl

Grundlage für die Erfassung der Stereotype ist eine 140 Merkmale umfassende Liste, die abfragt, welche Eigenschaften die Deutschen den Türken zuschreiben und welche Eigenschaften Türken mit Deutschen verbinden. Diese Merkmalliste ist von dem deutsch-türkischen Team so zusammengestellt worden, dass die Merkmale je zu einem Drittel positiv, negativ oder neutral besetzt sind. Die 140 Merkmale stehen in einem eigens entwickelten Online-Tool oder auch in Papierform zur Auswahl bereit. Die Teilnehmer der Studie (Studierende und deren Verwandte und Freunde) sind im ersten Schritt aufgefordert, alle Merkmale anzuklicken, die sie als zutreffend einschätzen, im zweiten Schritt davon die fünf wichtigsten auszuwählen und zu kommentieren. All das erfolgt auf freiwilliger Basis und selbstverständlich anonym. Abgefragt werden zudem Geschlecht, Alter, Herkunft der Befragten und von deren Eltern sowie der Bildungstand.

Differenzierte Einsichten

"Mit dieser Studie schaffen wir erstmals ein Instrument, das für internationale Vergleiche verwendet werden kann. Die erhobenen Daten bilden eine Vergleichsbasis für Folgestudien. Wir können dadurch nicht nur erfahren, wer welche Bilder und Einstellungen hat, sondern auch, wie sich die Stereotype im Lauf der Zeit oder durch aktuelle Ereignisse im Weltgeschehen verändern", so Baur.

Schon jetzt bietet die Studie, wie sich bei einer ersten Analyse der 2.000 Antworten aus der Türkei abzeichnet, erstaunliche Einblicke: "Die Deutschen" gelten bei "den Türken" als arbeitsfreudig, umweltbewusst, freiheitsliebend, tierliebend und trinkfreudig.

Weitere Informationen zu dem Projekt "Deutsche und Türkische Stereotype im Vergleich" finden Sie auf der Projekthomepage.

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