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MIDETI-Konferenz

22.10.15
Remigranten im deutsch-türkischen Innovationsnetzwerk – Diskussion zwischen Wissenschaft und Praxis

Teilnehmer der Konferenz (Re-)Migrants in the German-Turkish Innovation Network, Istanbul am 4.9.2015; Foto: Patrick Werner

Eine immer größere Zahl türkeistämmiger AkademikerInnen verlässt Deutschland und migriert in die Türkei oder verfolgt zumindest derartige Pläne. Bisher ist jedoch nur wenig bekannt, welche wirtschaftlichen Auswirkungen die veränderten deutsch-türkischen Migrationsbeziehungen haben. Dieses hochaktuelle Thema wurde im Rahmen einer Konferenz an der Yildiz Universität in Istanbul am 4. September 2015 diskutiert – dazu kamen insgesamt 62 VertreterInnen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft zusammen. Die Konferenz war Teil des Projektes (Re-)Migranten im deutsch-türkischen Innovationsnetzwerk – Identifikation und Kommunikation von Potenzialen für Wissenschaft und Wirtschaft – MIDETI, welches im Rahmen des Deutsch-Türkischen Jahres der Forschung, Bildung und Innovation vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wird. Zu den Partnern des MIDETI-Projekts gehören die Universität Ankara, die Yildiz Universität in Istanbul, die Ege-Universität in İzmir, die Friedrich-Schiller-Universität Jena und die Universität Osnabrück.

Nach einer Begrüßung durch İsmail Yüksek, Präsident der Yildiz Universität, und Oliver Dilly vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt standen im ersten Teil der Konferenz die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus verschiedenen Fachgebieten im Mittelpunkt. Im ersten Vortrag sprach die Soziologin Dr. Barbara Pusch (Orient Institut) über die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen, um multiple Zugehörigkeiten von Remigranten zu ermöglichen. Im Anschluss setzten die Geographen Prof. Sebastian Henn (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und Dr. Ilkay Südas (Ege-Universität) das Phänomen der Remigration von türkeistämmigen Hochqualifizierten in Bezug zu den New Argonauts, von deren unternehmerischer Dynamik das Silicon Valley stark profitiert. Zudem präsentierte die Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Yeşim Kuştepeli (Dokuz Eylül Universät) auf Grundlage von Patentanalysen Ergebnisse zum Ausmaß und zur Gestaltung Türkisch-Deutscher Innovationsnetzwerke.

In der Vorstellung der Ergebnisse des MIDETI-Projekts zeigte Philip Müller (Universität Osnabrück) beispielhaft anhand vier ausgewählter Remigranten, die Diversität von Migrationsbiographien türkeistämmiger Hochqualifizierter auf sowie deren transnationale Charakteristiken. Es wurde deutlich, dass die aus Deutschland in die Türkei migrierten AkademikerInnen in verschiedensten Sektoren tätig sind, neue Unternehmen gründen sowie Wissenschaftseinrichtungen stärken. Die Forschungsergebnisse machen deutlich, dass keineswegs einseitig von einem Verlust für die deutsche Volkswirtschaft gesprochen werden kann: Remigranten bleiben Deutschland häufig verbunden, viele arbeiten in der Türkei in deutschen Unternehmen und fördern unter Rückgriff auf ihre Kontaktnetzwerke den transnationalen Wissenstransfer.

Im zweiten Teil der Konferenz standen vor allem die Erfahrungen von Remigranten sowie die Diskussion zwischen Wissenschaft und Praxis im Vordergrund. In Kurzvorträgen erzählten Melike Şahinol (Orient Institut) und Danyel Temizkan (Liebherr) über ihre Migrationsbiographien sowie über ihre beruflichen Erfahrungen in der Türkei. Den letzten Programmpunkt der Konferenz bildete eine Podiumsdiskussion unter Leitung von Prof. Martin Franz (Universität Osnabrück) und Prof. Sebastian Henn (Friedrich-Schiller-Universität Jena), auf der WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen und PraktikerInnen aus der Wirtschaft intensiv die Abwanderung türkeistämmiger Hochqualifizierter diskutierten. In der Diskussion zeigte sich, dass der Politik die wirtschaftlichen Potenziale türkeistämmiger RückkehrerInnen nicht in vollem Umfang bewusst sind. Institutionelle Rahmenbedingungen, wie das derzeitige Visa- und Aufenthaltsrecht, erschweren transnationale Lebensformen und damit letzten Endes auch die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen.

Einen Tag vor der MIDETI-Konferenz fand ein Workshop für deutsche und türkische NachwuchswissenschaftlerInnen statt. Kern des Workshops war ein gemeinsames Rollenspiel, in dem die Migration Hochqualifizierter aus Deutschland in die Türkei aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert wurde. Zudem bekamen die 23 TeilnehmerInnen die Chance, sich bei einem sogenannten Speed-Dating kennen zu lernen und sich über ihre aktuellen Forschungsarbeiten auszutauschen.

Die Abschlussveranstaltung des MIDETI-Projekts findet 2016 in Deutschland statt. Auf dieser werden die Ergebnisse des Projektes der deutschen Öffentlichkeit sowie Entscheidungsträgern aus Verwaltung, Politik und Wirtschaft vorgestellt. Weitere Informationen zum MIDETI-Projekt finden Sie auf unserer Website www.mideti.uni-jena.de.

 

Text: Philip Müller, M. Sc., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Geographisches Institut der Universität Osnabrück.

 

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